Das Magazin, Nov.2017





Kriegsfotograf Beck: «Die Wahrheit zu sehen, ist wahnsinnig schwierig»
Interview von Susanna Petrin — Basler Zeitung und Aargauer Tagblatt



Der kriegserfahrene Fotograf Nathan Beck bereiste für Reportagen unter anderem Syrien, Libyen, Afghanistan, Pakistan und Irak. Beck über seine Eindrücke in den Krisengebieten und die Oper «War Requiem», die derzeit im Theater Basel gezeigt wird.

Nathan Beck, würden Sie sich als Kriegsfotografen bezeichnen?

Nathan Beck: Nein. Das ist ein zwiespältiger Begriff. Ausserdem haben heute - aufgrund der neuen technischen Möglichkeiten - die Einheimischen vor Ort die klassischen Kriegsfotografen zu einem grossen Teil abgelöst. Ich würde mich als kriegserfahrenen Fotografen bezeichnen.

Sie waren als Fotograf in sehr vielen Kriegs- und Krisengebieten, zuletzt in Syrien. Was wollen Sie dort mit Ihrer Arbeit erreichen?

Am Anfang standen Neugier und Interesse. Ich ergriff die Chance, mit guten Journalisten an Orte zu gehen, zu denen ich sonst kaum Zugang hätte. Das erste Mal als Fotograf in einem Krisengebiet war ich 1995 mit Bernhard Imhasly, damals Korrespondent der «NZZ». Es ging um die Tamil Tigers, respektive das IKRK, in Jaffna, Sri Lanka. Ich bekam zufällig mit, dass jemand ausgestiegen war, hängte mich innerhalb von zehn Minuten ans Telefon und sagte: Ich will das unbedingt machen. Ich hatte zunächst keine Ahnung, worauf ich mich da einlasse.

Weshalb ist Kriegsfotograf ein zwiespältiger Begriff für Sie?

Ein Schlüsselerlebnis hatte ich im Kosovokrieg. Ich war für das Tagi-Magi in Albanien. Dort sassen in einem kleinen Grenzdorf mehrere 100 Journalisten und warteten auf die wenigen kosovarischen Flüchtlinge, die ab und zu herkamen. Es herrschte eine fast absurd gute Stimmung. Die Albaner freuten sich über das gute Geschäft mit den Journalisten, die Medienleute hatten einen sicheren Hafen. Ich merkte, dass die Flüchtlinge sich sofort anders verhielten, wenn ich mit der Kamera kam. Die Kinder hörten auf zu spielen, auch die Männer versuchten, traurig dreinzuschauen. Das hat mich zunächst geärgert. Aber dann begriff ich, dass diese Menschen für ihre Sachen kämpfen und die Medien dafür zu nutzen versuchen.

Die Medien neigen dazu, nicht das abzubilden, was ist, sondern bereits bestehende Vorstellungen zu reproduzieren.

Ja, es ging darum, dass die Medienleute bereits klare Vorstellungen im Kopf hatten. Die Opfer wussten auch schon ganz genau, wie diese Vorstellungen aussehen und verhielten sich vor den Medien dementsprechend.

Es gibt doch diesen Spruch «Truth is stranger than fiction.» Trifft das nicht zu in Krisengebieten? Ist die Wahrheit nicht ohnehin so stark, so überwältigend, dass man eigentlich nichts inszenieren muss?

Die Wahrheit zu sehen ist wahnsinnig schwierig. Wenn man in ein fremdes Land geht, ist man erstmal von allem beeindruckt, was anders, was exotisch ist - etwa ein schöner Basar. Als Fotograf fiel es mir zunächst nicht leicht, auch mal das besonders Fremdartige wegzulassen. Aber das Exotische ist oft nicht das, was diese Gesellschaft ausmacht, sondern das, was uns oberflächlich als erstes auffällt. Es braucht viel Zeit und Erfahrung, um zu merken, was nur vordergründig ist; um tiefer einzudringen und die Realität dieser Menschen zu spüren. Die Wirklichkeit ist auch deshalb schwierig zu erfassen, weil wir uns selber nicht aus einer Distanz betrachten können, weil wir alle von unserer eigenen Kultur geprägt sind. Als erstes muss man auch die Auseinandersetzung mit sich selber akzeptieren. Und man muss sich eingestehen, dass man längst nicht alles weiss.

Wie gehen Sie konkret vor, wenn Sie in Ihnen fremden Gebieten fotografieren?

Das Wesentliche ist, mit den Menschen ganz normal ins Gespräch zu kommen, so wie zu Hause. Zu 90 oder vielleicht zu 99 Prozent sind diese Menschen genau wie wir. Wenn man sich selber ist, wenn man den Leuten auf Augenhöhe begegnet, dann öffnen sie sich einem. Ich hatte äusserst lustige Diskussionen in Afghanistan - in schlechtem Englisch, aber das spielt überhaupt keine Rolle. Man muss mit den einfachen Leuten auf der Strasse Kontakt haben und da versuchen, kleine Sachen zu sehen, die das Grosse widerspiegeln. Im Kleinen widerspiegelt sich die grosse Welt. Die Interviews mit Offiziellen, mit Politikern habe ich dagegen immer langweilig gefunden. Die sagen stets genau das, was man erwartet, das, was sie sagen müssen.

Muss man nicht auch «auf der Strasse» aufpassen, nicht instrumentalisiert zu werden? Menschen, die sehr sympathisch scheinen, bringen vielleicht am nächsten Tag die Leute im Nachbardorf um, überspitzt gesagt.

Man darf nicht naiv sein. Es braucht, wie die Amerikaner sagen, eine gewisse «Street Credibility». Aber ich könnte nicht von mir behaupten, dass ich die Leute stets durchschaue. Mit dem Risiko, auch mal auf eine Geschichte reinzufallen, muss man leider leben. Letztes Jahr war ich mit Kurt Pelda in Syrien. Wir trafen sympathische Leute; sie sorgten für uns, wir hatten gute Diskussionen. Später habe ich am Fernsehen gesehen, dass dieselben Leute mittlerweile alle mit der Al-Qaida-Flagge herumfahren. In einem Bericht sah ich Extremisten, die Kriegsgefangene in ein Auto mit einer Bombe im Kofferraum setzten und ihnen vorgaukelten, es werde einen Austausch geben. Ich habe diese Leute erkannt. Sie waren damals sehr freundlich zu mir. Die Kriegsverbrechen, die dort begangen werden, sind schauderhaft. Die Schwierigkeit für Journalisten ist, die Distanz zu bewahren zu denjenigen, auf die man angewiesen ist. Das fängt damit an, sich einzugestehen, dass man nicht völlig unabhängig funktioniert. In meinen Bildgeschichten ergreife ich aber nie Partei; im Vordergrund steht ein anthropologisches Interesse. Ich möchte zeigen, wie Menschen mit schwierigsten Situationen umgehen.

Ist es nicht gefährlich, etwa einen Taliban sympathisch darzustellen?

Wenn man hier ein Porträt von einem CEO macht, weiss man auch nicht, ob dieser nicht korrupt ist oder mit Potentaten zusammenarbeitet. Die ganze Gesellschaft in Afghanistan oder Syrien zu durchschauen ist noch viel schwieriger. Man kann nicht für die Taliban sein. Aber was vorher da passiert ist, war wahrscheinlich noch schlimmer. Die Taliban waren am Anfang, 1986/87, hochwillkommen, weil sie der Kriminalität der Warlords Einhalt geboten. Dank des Internets zeigt sich jetzt immer stärker, dass vieles nicht so ist, wie es scheint. Das halte ich für eine gute Entwicklung; mit meinen Reportagen möchte ich an solchen Aufdeckungen teilhaben.

Ein Zitat des Kriegsfotografen James Nachtwey im Film «War Photographer» lautet: «Es war wie im Theater, nur dass ich auf der Bühne stand und das Stück völlig ungewiss war.» Fühlen Sie sich in Krisengebieten auch manchmal wie in einem Improvisationstheater?

Absolut, und wir alle spielen darin zum Teil die merkwürdigsten Rollen. Von Nachtwey habe ich gelernt: Man muss sich in manchen Ländern so richtig in die Fotografenpose werfen, damit einen die Leute als solchen akzeptieren. Am besten ist, man kriecht mit der Kamera auf dem Boden herum und benutzt ein Teleobjektiv. Wenn die Menschen jemandes Funktion verstehen, haben sie viel mehr Vertrauen.

Wie hat die Oper «War Requiem» den Krieg dargestellt?

Ich bin kein Opernexperte. Mir hat das Bühnenbild gut gefallen: das Gerüst im Kontrast zur Kathedralenfassade, diese Vermischung aus Baustelle und Kirche. Die Musik und die Stimmgewalt haben mich komplett reingezogen. Ich habe aber ein wenig Mühe mit dem Konzept des Mitleids. Diese Darstellung ist für mich nicht mehr ganz zeitgemäss. Nicht weil ich kein Mitleid habe, sondern, weil ich glaube, dass in den Ländern, in denen derzeit Krieg und Krisen herrschen, Mitleid eine ganz andere Rolle spielt als bei uns.

Inwiefern ist Mitleid nicht mehr zeitgemäss?

Im Theater versucht man gut und böse, richtig und falsch klar zu benennen. Natürlich muss man ein humanistisches Weltbild haben, wenn man im Theater oder einer anderen Kunstform sich mit Krieg auseinandersetzt. Aber man kann heute nicht mehr davon ausgehen, dass es ein klares Richtig oder Falsch gibt. Syrien zeigt das zum Beispiel. Man kann nicht einfach Pazifist sein und sich aus dem Konflikt raushalten. Auch dieses Verhalten hat Konsequenzen.

Sehen Sie Parallelen zwischen dieser Oper und Ihrer Arbeit als Kriegsfotograf?

Nein. Für mich gibt es keine eindeutigen pathetischen Lösungen. Es ist immer schwieriger, die Situationen zu durchschauen, auch weil man immer mehr Informationen hat.

Ist es auch schwieriger geworden, schreckliche Bilder bei Zeitungen und Magazinen abzusetzen?

Alles, was kompliziert ist, hat es schwierig. Heute wird erwartet, dass man alles gleich auf den ersten Augenblick sieht.

Man geht ständig vom dümmstanzunehmenden Leser aus ...

Dabei wissen die Menschen viel mehr - ob sie Akademiker sind oder nicht. Derzeit wird alles von irgendwelchen Werbestrategen diktiert, man traut denen am meisten zu. Das halte ich für Humbug, irgendwann werden die Leute die Nase voll davon haben. Es gibt keine einfachen Regeln dafür, was wirklich interessant ist. Doch die Leute erkennen und schätzen die tiefer gehenden, oft persönlichen, eigenwilligen Ansätze.

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